Traumpfad München–Venedig

Im Jahr 2010 hatten wir uns etwas Besonderes ausgedacht, weil einer unserer Freunde zum 30. Juni seine aktive berufliche Arbeit beendete.
Wir starteten am 1. Juli nach der Ankunft per Flugzeug in München vom Marienplatz aus unsere 28-tägige Wanderung mit dem Rucksack bis Venedig.
Viele Wege führen über die Alpen. Neben den europäischen Fernwanderwegen gibt es auch die klassischen Alpenpässe, wie z. B. den Brenner, über den schon seit Jahrhunderten Menschen das Gebirge durchquert haben.
Wir Wanderer (zunächst zu dritt, ab Brixen zu viert) haben uns im Vorfeld von einem Wanderbuch von Ludwig Graßler – „Der Traumpfad“ – inspirieren lassen und können jetzt den von ihm beschriebenen Reiz der ausgewählten Wege über die Ostalpen bestätigen.
Der erste Teil der Venedigwanderung führte uns vier Tage durch das Voralpenland mit seinen Wiesen, Flusstälern und Hügeln bis zum Karwendel. Den dann vorgese-henen Bergpfad über die Birkkarspitze, den höchsten Gipfel des Karwendels (2749 m), haben wir wegen schlechten Wetters (Temperatursturz auf nur noch 12 bis 15 Grad) und auf eindringliches Anraten des Hüttenwirtes im Karwendelhaus nicht bestiegen.
Wir wählten den Abstieg zum Ort Scharnitz im Dauerregen über 7,5 Stunden.
Dieser Regentag und zweimal jeweils etwa 2,5 Stunden, also im Ergebnis insgesamt nur 1,5 von 28 Tagen, konnten unser Traumwetter von 25 bis 35 Grad mit überwiegend klarer Sicht nicht trüben.
Der Zeitpunkt unserer Wanderung schien anfänglich gewagt, weil die Alpenpässe über 2000 m oftmals noch große Schneereste, besonders in Österreich, aufwiesen. Manchmal mussten wir nach dem Überqueren einzelner Schneefelder den weiteren Verlauf der Wegstrecke suchen, zumal wir mehrfach wenig begangene Bergpfade beschritten.
In die Zentralalpen gelangten wir über Wattens aus dem nur 500 m hoch gelegenen Inntal hinaus zur Friesenbergscharte, mit fast 3000 m der höchste Punkt unserer Wanderung. Trotz der großen Höhe war aber keine Gletscherausrüstung nötig. Wir umgingen die Eisflächen des Tuxer Gletschers und des Olperermassivs.
Nach einer Übernachtung in der hoch gelegenen neuen Olpererhütte in den Zillertaler Alpen wanderten wir mehr als fünf Stunden über einen Höhenweg zwischen Wasserfällen und Bachläufen, der profihaft erst im Jahre 2006 in einem Gewirr von Felsbrocken und Felsspalten bequem begehbar angelegt worden war (ein Fernsehbericht darüber wäre sicherlich sehenswert).

Am Pfitscherjoch verließen wir schließlich Österreich, überschritten die Grenze nach Italien und übernachteten später in einer von vielen München-Venedig-Wanderern vielfach besuchten Privatpension in Stein. Im weiteren Streckenverlauf – mitunter schweißtreibend – gelangten wir ins Pfunderertal bis Niedervintl; von dort ging es in einem steilen Aufstieg im Rodenecker Wald in eine der schönsten Landschaften Europas. Hier trafen wir zufällig den Autor des neuen Bildbandes „Traumpfad München–Venedig“.
Weiter passierten wir die Lüsener Alm, den Peitlerkofel, durchquerten die Puezgruppe und kamen über das Grödner Joch weiter ins Herz der Dolomiten.
Wir liefen im Blickfeld der Gebirgsmassive der Sella und Marmolada und stiegen schließlich hinab zum Alleghesee, einem von hohen Bergen der Civetta-Gruppe umschlossenen Bergsee.

Schließlich lagen das italienische Voralpenland und die Piave-Ebene vor uns. Das sogenannte Veneto ist eine Landschaft, in der Schönes und Hässliches oft nah beieinanderliegen. Die Schönheiten des Nevegal und des Hügellandes südlich von Revine sind das schöne Gesicht dieser Provinz (vorwiegend Weinberge zur Erzeugung von Prosecco), ein anderes ist die Zersiedelung der Piave-Ebene mit ihren Straßen und ihrer intensiven Landwirtschaft (Mais und Weinanbau sowie Obstplantagen).
Am Ende erreichten wir nach 28 Tagen glücklich und gesund unser Ziel, den Markusplatz in Venedig!

Die Wanderung war insgesamt sehr anstrengend. Wir vier Wanderer hatten allesamt eine gute bis sehr gute allgemeine Kondition, die für diese Unternehmung unbedingt Voraussetzung war.
Vier Wochen lang tagaus und tagein sich diesen Anstrengungen gegenüberzusehen, war eine besondere Herausforderung.
Im täglichen Miteinander war es schon sehr gut, dass wir uns seit Jahren kennen und uns gegenseitig sehr gut einschätzen konnten.
Rolf Löckmann


